Iris Heterochromie – Leben mit 2 verschiedenen Augenfarben

„Entschuldigen Sie, fährt dieser Zug nach MünWOAH Sie haben ja 2 verschiedene Augenfarben!“

„Warum hast du 2 verschiedene Augen?“

„Wusstest du eigentlich, dass du ein grünes und ein blaues Auge hast?“

Meine Damen und Herren, Sie lasen eine Compilation jener Sprüche, die ich täglich höre.

Wenn ich mit einem Kunden spreche oder auch wenn ich jemanden kennen lerne
und der Person etwas erkläre, sehe ich dabei meinem Gegenüber gerne in die Augen. Ich finde, das schafft vertrauen und wirkt selbstsicher.
Wenn ich dann merke, dass die Person nicht wirklich weiß, ob sie auf meine linke oder rechte Gesichtshälfte starren soll und leicht verwirrt
wirkt, liegt das entweder an meinen mangelnden Hochdeutschkenntnissen oder an einer Tatsache, die ich immer vergesse:

Ich habe zwei verschiedene Augenfarben.

Manchmal sagt die Person mit der ich spreche nichts. Meistens, in so etwa 98% Prozent der Fälle, kommt ein
verwundertes Kommentar. Die Verwunderung siegt bei den Meisten und es folgt es kommt eine wirklich unbedachte Frage (siehe oben genannte Beispiele).

Ich selbst habe so meine Probleme damit. Ich weiß, dass mir keiner mit diesen Fragen etwas böses will
(außer Ex Freundinnen von Männern die ich gedatet habe, die mich Alien nannten oder Menschen, die mir unterstellen, ich würde Linsen tragen, da ich
nur Aufmerksamkeit möchte).
Es geht mir nur wirklich auf den Sack, dauernd angesprochen zu werden oder auch im Internet, wenn ich mich an Diskussionen beteilige,
die nichts mit dem Thema Augen zutun haben und dann einfach nur ein „Hast du 2 verschiedene Augenfarben“ unter einem Beitrag, in dem ich in über 100 Wörtern den Zusammenhang von BDSM und Feminismus erkläre, lese.
Ich finde das frech, unhöflich und irgendwie auch aufdringlich. Und ich weiß, dass es einfach nur in der Natur des Menschen liegt, nachzufragen oder Verwunderung auszudrücken, wenn
er etwas sieht, dass nicht der Norm entspricht.

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Es ist außergewöhnlich, das verstehe ich. Als ich noch als Rezeptionistin tätig war, checkte ich selbst mal jemanden mit Iris Heterochromie ein und wisst ihr was?
Ich habe gestarrt, denn es war etwas wirklich außergewöhnliches. Er hat zurückgestarrt und wir haben beide sehr über die Sache gelacht.

Meine Eltern sagten mir, dass die Ärzte bei meiner Geburt meinten, die Augenfarben werden noch eins, aber das passierte nie.
Es ist ja auch keine Krankheit, sondern nur eine optische Mutation.
Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen und meine Eltern hatten auch noch ein Restaurant, was mich neben den japanischen Einwanderern zu einer Sensation machte.
Jeder kannte mich und meine Augen (Banküberfallsplanungen konnte ich somit schonmal verwerfen).
Aber ich erinnere mich noch sehr gut an eine Situation: Mein damals 14 Jähriges ich läuft durch die Fußgängerzone. Ein Mädchen aus meiner Parallelklasse (Übrigens war C die beste
Klasse, A und B sind doch alles Streber) rief „Hey, schaut mal, die mit den 2 Augenfarben!“ Und plötzlich stand ich in der Mitte von Leuten, die ich nicht kannte und musste ihnen
im Uhrzeigersinn in die Augen schauen. U-N-A-N-G-E-N-E-H-M.

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Ich habe auch schon überlegt es zu verstecken und mit dem Gedanken gespielt, mir Kontaktlinsen zuzulegen. Aber der Gedanke mir was auf/in die Augäpfel zu stecken lässt
bei mir Beklemmungen aus und eine Sonnenbrille ist für den Alltag eher ungeeignet.

Es gabt aber auch Situationen, die fand ich süß. Mein erster Freund zum Beispiel hat mich mit dem Satz gekriegt: „Normalerweise schließe ich beim Küssen die Augen, aber deine würde
ich dabei wahrscheinlich anschauen“. Ja, das war sehr kitschig, gefallen hat es mir aber trotzdem und danach war ich nicht mehr lange Jungfrau.

Ich denke, es ist wie bei so vielem im Leben: Der Ton macht die Musik. Wenn man einfach nur zusammenhangslos Kommentare über meine Augen bringt, brauch man sich
nicht wundern, wenn ich genervt reagiere. Wenn man allerdings höflich und respektvoll mich darauf anspricht, hat man nichts zu fürchten.

Ich hatte früher extreme Probleme damit so herauszustechen, aber mittlerweile habe ich verstanden, dass es zu mir gehört und quasi mein Erkennungsmerkmal ist. R.I.P Gaunerkarriere.