Polydating und das Vermächtnis eines Kitschautors

Es ist wieder soweit. Ich bin in Verführung gekommen, einen „Damals“ oder „Wisst ihr noch“ Beitrag zu verfassen.
Ich bin gewiss in meinen Mitzwanzigern nicht alt, dennoch kann ich mich noch an Zeiten erinnern, in der man sich einmal, meistens ein paar Tage zuvor, für ein Date verabradete und dies dann eingehalten wurde und nicht wage in den Raum gestellt „ob das jetzt wirklich fest ist“. Zeiten, in denen man wichtige Sachen in einem Telefongespräch klärte oder sich kurz per SMS meldete. Heute melden die meisten Anrufe schriftlich an: „Warte, ich ruf dich gleich an“. Der Trend geht jetzt aber wieder
zu gesprochenen Kurznachrichten, da dies ja viel bequemer ist als zu tippen. Und ich bin gerade vom rechten Tastaturweg abgekommen, denn eigentlich war dies gar nicht das Thema, das mir gerade im Kopf rumspuckt.

Zum ersten mal in meinem Leben, naja nicht ganz in meinem Leben, immerhin gabs auch eine Zeit bevor der Sexualtrieb der Körper überrannte, bin ich ohne Partner. Alleinstehend. Ledig. Ein Single (ich mag das Wort eigentlich nicht). Ich habe keinen Verflossenen dem ich hinerher trauere, ich habe keine Affäre oder diverse one Night Stands und ich date momentan keinen.

Dating. Das ist ein schöner aber auch dehnbarer Begriff.
Als ich aufwuchs, auch in die Pubertät hinein, wurde Dating durch die Bravo und Jordan Sparks Kitschfilme geprägt (The Notebook schaue
ich IMMER wenn ich Liebeskummer habe). Damals hieß es, man trifft sich mit einer Person, man unternimmt Sachen und wenn man sich denn
gut Verstehenen sollte, wird man ein Paar. Heute ist der Begriff „Date“ total abgeflacht. Er wird lediglich für ein Treffen mit einer Person des präferierten Geschlechts verwendet, schon kurz zusammen zur Tanke Zigaretten holen fahren erachten manche als Date.
Andere hingegen, stylen sich 2 Stunden für ihr Date umd dann von dem Datepartner als nicht-Date darzustehen, oder was soll die Jogginghose
einem sagen (Ja, auch zum Netflix und Chill macht man sich schick!).

Dating, das existiert doch heute gar nicht mehr. Zumindest nicht so, wie es uns die Romantikhelden in Film-, Buch-, und Teeniezeitschrift
vorlebten. Heute geht mehr so Mehrfachdating. Keiner scheint mehr Geduld zu haben, deswegen versucht man, das ganze datebare Material, das
sich so anschafft, auf einmal aufzuarbeiten. Heute der Bodybuilder, morgen der Immobillienmarkler und Freitags dann der Krankenpfleger.
Noch nicht mal Namen kriegen sie, sondern das signifikannteste Merkmal einer Person wird als Pronomen verwendet.
Ist das schon rumhuren? Körperlich, wenn nichts läuft, nicht. Aber mental ist es ganz ganz großes Rumhuren. Multibles Dating ist die Grand
Lady des modernen Rumhurens. Unabsichtlich vergleichen wir alle Datepartner miteinander und bilden im Kopf unsere eigene Gut/Schlecht Liste
der Person und vergleichen sie miteinander. Deswegen können wir uns auch mit einem Treffen nicht voll und ganz auf diese Person konzentrieren und eingehen, da wir immernoch die anderen Möglichkeiten im Unterbewusstsein abwägen.
Wollen wir das denn auch? Eine Spalte in einer Tabelle sein? Hat man denn nicht mehr verdient als
ein dasein in einer imaginär im Kopf erstellte Liste zu fröhnen?

Lasst das mutible Dating und das mehrgleisig fahren. Trefft euch mit einer Person die ihr mögt, trefft euch wieder oder auch nicht und geht dann zum nächsten potentiellen Kandidaten. Mit Mehrfachdating disrespektiert ihr nicht nur euren Gegenüber, sondern auch euch selbst (Hab ihr wirklich soviel Aufmerksam nötig oder es so eillig, das ihr alle auf einmal treffen müsst?).

Ein Gedanke zu „Polydating und das Vermächtnis eines Kitschautors“

  1. Das… hat mich eigentlich stark getroffen. Wir wollen so viel erleben wie möglich, und wenn man Strich zieht, stellt man fest, wie falsch und ermüdend alles war. Warum tun wir uns sowas an? Selbstüberschätzung? Gier? Wir sind eigentlich polyamorös, können es aber nicht zugeben? Ist verdammt schön ironisch auch, unsere Freiheit macht unser Leben leer

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